Die Tonne in den Handstand. Keine Kippe ist auch eine Lösung! Teil 2

Es ist mehr als zwei Jahre her, dass ich von einem auf den anderen Tag beschlossen habe, nicht mehr zu rauchen. Ich war mir auf einmal sicher, dass es funktioniert und ich nie wieder rauchen werde. Der Druck etwas zu ändern, war zu groß.

 

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Als Kettenraucher im Winter 2012 mit über 110 kg (links) – zwei Jahre rauchfrei im Winter 2016 (rechts)

Dass es der Beginn von einem sehr weitgehenden und umfangreichen Veränderungsprozess sein würde, habe ich jedoch nicht geahnt und auch nicht für möglich gehalten. Heute ist mir klar, dass es der erste Schritt war und dieser Prozess zu neuer Lebensfreude geführt hat. Die eigene Persönlichkeit zu reflektieren, erzeugt in mir keine Angst, sondern gibt mir Kraft und treibt mich an.
Mir war viele Jahre bewusst, dass ich einer unnötigen Sucht verfallen war, die mir schadete. Dennoch habe ich damals gerne und viel geraucht und die vielen Gelegenheiten wie Arbeitspausen, Veranstaltungen, im Stadion oder die Gestaltung von kreativen Prozessen mit vielen Zigaretten zelebriert.
Was mir jedoch nicht bewusst war: Nicht das Rauchen schadete mir in erster Linie, sondern mein Mangel an Selbstrespekt.
Es gab immer mal wieder halbherzige Versuche mit dem Rauchen aufzuhören. Die wenigen schwereren Erkältungen haben mich nur ein paar Tage davon abhalten können. Im Sommer 2007 startete ich einen Versuch, bei dem ich mich für gut vorbereitet hielt. Ich wollte es unbedingt durchziehen, scheiterte jedoch bereits nach einer Woche.

Meine Raucherkarriere startete ich mit 21 Jahren, als ich mit meinem damaligen Nebenjob begann. Die Arbeit war so monoton und stressig, dass ich mich meinen rauchenden Kolleginnen und Kollegen anschloss, um wenigstens etwas Abwechslung zu haben. Das Rauchen wurde bereits nach wenigen Wochen zur Gewohnheit und die Zahl der täglichen Zigaretten stieg schnell.
Zu Beginn habe ich es auf diesen Nebenjob und seine Auswirkungen geschoben. Aber die Sucht hielt auch in der Zeit an der Uni und in den ersten Jahren im neuen Beruf an. Irgendwann ist mir klar geworden, was diese Sucht wirklich war: ein Ausdruck von mangelndem Selbstrespekt.
Die negativen Auswirkungen des Rauchens wurden immer deutlicher. Die Hustenanfälle am Morgen steigerten sich. An manchen Tagen dauerten sie mehrere Minuten und schmerzten. Dennoch habe ich, nachdem der Anfall abgeklungen war, gleich die erste Kippe angezündet. In meinem Umfeld gab es fast nur Raucherinnen und Raucher und es stellte sich so etwas wie ein Normalisierungszustand ein.
Das Rauchen war zeitgleich gleichzusetzen mit einer Vernichtung meiner körperlichen und mentalen Substanz. Der Prozess verlief schleichend. Ich habe Raubbau an meinen eigenen Ressourcen betrieben. Dieser Prozess hat sich auch an meinem wachsenden Übergewicht gezeigt. Das habe ich hin und wieder sogar festgestellt und mir gesagt: irgendwann werde ich mal ein bisschen Sport treiben, dann geht das auch wieder weg. Dieser Vorsatz war allerdings immer nur kurzlebig. Auch die Hustenanfälle habe ich nach einigen Kippen gerne wieder vergessen.

Über Ernährung machte ich mir gar keine Gedanken. Ich fraß einfach irgendeinen Rotz der Nahrungsmittelindustrie in mich hinein oder bestellte beim Lieferservice. Im Rahmen meiner Arbeit gab es öfter mal ein Fußball- oder Basketballspiel. Dabei wurde deutlich, wie schnell ich an meine konditionellen Grenzen kam. Abgerundet wurde die mangelnde Selbstachtung von einem Bekleidungsfiasko, das sich in der Regel auf T-Shirts meines Fußballvereins, immer dieselben Turnschuhe und dunkelblaue Jeans beschränkte. Alleine der Kleidungsstil brachte eigentlich alles zum Ausdruck: es fehlte an einem achtsamen Umgang mit mir selbst. Es gab keine Lebensqualität, kein Selbstvertrauen und keinen Respekt vor mir selbst.
Ich denke, dass diese harte Erkenntnis den Grundstein für den Veränderungsprozess gelegt hat, auch wenn er sich nicht sofort durchgesetzt hat. Ich wollte und ich musste einfach alles auf den Kopf stellen und verändern, um herauszufinden, ob ich mich wieder spüren und lieben kann.
Trotz der harten Beschreibungen habe ich auch tolle Momente erlebt und schöne Erfahrungen gemacht.

Ich höre auf – mit allem Ballast

Im Sommer 2014 überlegte ich mir eine Methode, um mit dem Rauchen aufzuhören. Im Nachhinein betrachtet ist sie echt witzig, da ich damals nicht ahnen konnte, dass auch meine Ernährung mal eine Kehrtwende machen wird. Ich beschloss nämlich, für vier Wochen kein Fleisch zu essen. Warum habe ich das getan? Eigentlich sehr simpel, denn ich wollte in alltäglichen Situationen bewusst eine alternative Entscheidung treffen. Mein alltäglicher Fleischkonsum war für mich mit dem Rauchen vergleichbar. Ich dachte mir, wenn ich esse und dabei bewusst auf Fleisch verzichte, wird es mir helfen, in den vielen gewohnheitsmäßigen Situationen auf das Rauchen zu verzichten.

Ich hatte vor allem Panik, dass ich es niemals schaffen werde, im Auto im Berufsverkehr auf das Rauchen zu verzichten. Oder in den Arbeitspausen. Der Fleischverzicht funktionierte ganz gut, er war allerdings damals nur vorübergehend. Die Umstellung auf eine fleischlose und mittlerweile vegane Ernährung kam erst später und war zu dieser Zeit noch weit entfernt.
Zum Ende meines kleinen Experiments ereignete sich eine für mich ausschlaggebende Situation. Ich war mit dem Auto auf der Rückfahrt von Frankfurt/Main nach Berlin, hatte auf der Hälfte der Strecke Hunger und hielt an einer Autobahnraststätte. Die Auslage war sehr fleischlastig und ich fragte die Verkäuferin, ob sie denn auch etwas ohne Fleisch hätte. Sie wirkte sehr erschrocken und bot mir ein paar Nudeln hat, denn sonst sei nichts ohne Fleisch im Angebot. Ich lehnte ab, fuhr weiter und rauchte einige Zigaretten. Ich begann in den folgenden Tagen auch wieder damit, Fleisch zu essen. Ich war mir nicht ganz klar darüber, was mir das Experiment gebracht hatte.
Dennoch ließ mich die Erfahrung in der Autobahnraststätte nicht los, denn ich fühlte mich verärgert, herausgefordert und vielleicht auch ein wenig ohnmächtig. Das mir vorgesetzte Essen wollte ich nicht und die Alternative war wie ein Anschlusstreffer bei hohem Rückstand. Ich dachte mir: Verdammt nochmal, ich will kein Opfer sein. Ich will selbst bestimmen können, was ich wie mache.
Das ist mir einige Wochen später bewusst geworden und ich habe es auf das Rauchen übertragen. An einem Tag im Herbst 2014 vernichtete ich alle Zigaretten und verschenkte alle Utensilien. Seitdem habe ich keine Zigaretten mehr angerührt.
Die ersten Tage war ich euphorisch, denn ich war von dem Prozess begeistert. Ich machte mir bewusst, dass es gut ist, in den verschiedenen Situationen, in denen ich bisher aus Gewohnheit immer geraucht habe, dies nun nicht mehr zu tun. Nach zwei Wochen genoss ich das erste Mal seit vielen Jahren einen Morgen ohne Hustenanfall. Das war bedeutsam, da es eine direkte positive Auswirkung war, die mich ungemein motiviert hat. Nach zwei Monaten war mir klar, dass ich es geschafft habe und es keinen Weg mehr zurück geben wird.
Ich setzte mich extra in Raucherkneipen oder ging mit Kolleginnen und Kollegen in die Raucherecken, um mir bewusst zu machen, dass ich es nicht mehr brauchte und über meiner Sucht stand.

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im Handstandtraining (Herbst 2016)

 

Selbstrespekt ist ein Wert
Insgesamt muss ich sagen, dass mein Blick sich geschärft hat. Ich denke, dass es jedem selbst überlassen ist, ob er/sie raucht oder nicht. Für mich steht jedoch fest, dass Rauchen ein Ausdruck von mangelndem Selbstrespekt ist. Es gibt Erfahrungen, die man macht und die zu einem Erkenntnisgewinn führen. Hinter diesen Erkenntnisstand kann man nicht zurück. Allerdings macht jede und jeder seine eigenen Erfahrungen und gewinnt seine eigenen Erkenntnisse. Das ist ein ganz individueller Weg. Hier beschreibe ich meinen. Rauchen ist für mich mittlerweile eines der unsinnigsten Hindernisse auf dem Weg zu einem achtsamen Leben!

Als die Kippen gingen, blieben die Fragen nach dem Übergewicht und der schlechten Ernährung. Die Tonne in den Handstand geht in den nächsten Teilen weiter…

KERNVOLL genießen 😉

 

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Mit offenen Augen: ein paar Dips sind an vielen Orten möglich 😉

 

 

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