Selbstrespekt – Die Tonne in den Handstand – Teil 3

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Immer und überall – Handstand auf dem alten Schlachthof in Friedrichshain – Foto: Luisa Schmolke

Obwohl ich mir das Rauchen abgewöhnt (Nichtraucher werden) und sich mein Gesundheitszustand verbessert hatte, ging es mit mir mental weiter bergab. Meine innere Krise spitzte sich zu. Wenig ergab noch Sinn in meinem Leben und es musste unbedingt eine Veränderung her. Jahrelang hatte ich den Weg verfolgt, die Dinge zu verstehen, die herrschenden Umstände zu kritisieren und immer aktiv zu sein. Dabei ist leider die Achtsamkeit mir selbst gegenüber etwas in Vergessenheit geraten. Vielleicht hatte ich auch nie gelernt, was es eigentlich bedeutet, achtsam mit sich selbst umzugehen. Zusammengefasst kann ich sagen, dass mein eigenes Wohlbefinden überhaupt keine Rolle gespielt hat. Alle Ansätze in Richtung eigenes Wohlbefinden wurden als nebensächlich und egoistisch abgetan.

Auch dieses Mal gab es eine konkrete Situation, ab der ein Umdenken stattfand. Ich erinnere mich noch gut daran. Ich war alleine im Auto unterwegs und hatte viel Zeit, um nachzudenken. Ich habe mit ein paar Freunden telefoniert, um mich auszutauschen. Allerdings wurde mir bewusst, dass ich zwar meine Gedanken und Sorgen immer wieder diskutieren kann, es aber keine Lösung von außen geben wird. Mir wurde klar, dass ich meinen ganz persönlichen Umgang finden muss, um meinen Frust in den Griff zu bekommen. Ich gelangte zu der Erkenntnis, dass ich mich ändern muss. Die Herausforderung bestand darin, mir selbst wieder mehr Respekt entgegen zu bringen.
Dadurch, dass ich zuvor immer aggressiver und unruhiger geworden war, habe ich sicher einige Menschen verletzt. Das bedauere ich heute und möchte mein Handeln daran ausrichten, achtsam mit mir und meinem Umfeld umzugehen. Das wird mir sicherlich nicht immer gelingen, aber ich möchte es zumindest versuchen.

Am Abend kam ich wieder in Berlin an und wusste einfach, dass es ab jetzt anders werden muss!
Es folgte eine Woche, in der ich einiges ausprobieren konnte und die schließlich vieles verändert hat. Mit einiger Zeit Abstand kann ich sagen, dass es gar nicht so schwer war, vorausgesetzt du zweifelst nicht an dir und hast Lust darauf herauszufinden, dass auch du etwas verändern kannst. Auf Andere zu warten, bringt nichts.

Was für eine Woche 🙂

Montag:

Ich erhielt von einem Arzt die Empfehlung, mal in Ruhe spazieren zu gehen und darüber nachzudenken, was mich an meiner Umgebung erfreut. Eine einfache, aber sehr herausfordernde Aufgabe. Es war schließlich Februar und das Wetter lud nicht gerade dazu ein, rauszugehen. Aber ich habe mir einen Ruck gegeben und den Rat befolgt. Ich beobachtete einige Läufer im Volkspark und irgendwie packte mich die Lust, auch wieder Sport zu machen. Zuerst spielte ich mit dem Gedanken, auch Laufen zu gehen. Aber ich hatte keine Laufschuhe.
Also doch etwas anderes. Aber was? In ein Fitnessstudio gehen? Auf gar keinen Fall, so dachte ich. Das ist doch nichts für mich. Stumpfes Gepumpe und Gepose von breitschultrigen Typen. Außerdem eine Jahresmitgliedschaft abschließen, um nach wenigen Wochen aufzugeben und sich über die monatlichen Abbuchungen zu ärgern. Und was, wenn ich ausgelacht werde, wenn ich das irgendwo erzähle. Also war klar: in ein Fitnessstudio gehe ich niemals.

Dienstag:

Aber wie es dann immer so kommt. Gleich am nächsten Morgen habe ich doch in einem Fitnessstudio angerufen und ein Probetraining für den Nachmittag vereinbart. Der ausschlaggebende Hinweis von einem vertrautem Menschen war, dass in diesem Fitnessstudio eher ältere und normale Leute sind. Zudem ist es nicht riesig groß.

Jetzt gab es kein Zurück mehr und der Ehrgeiz packte mich. Also ab ins nächste Sportgeschäft und Indoor-Turnschuhe anprobiert, zwei Trainingsoutfits kamen gleich mit in den Einkaufskorb.

Am Nachmittag hat sich mir dann erst einmal eine neue Welt eröffnet. Ich fuhr ins Fitnessstudio. Etwas unsicher fühlte ich mich in dieser neuen Umgebung schon. In der Umkleide habe ich mir meine neuen Trainingsklamotten angezogen. Dann bin ich zu meinem Trainer und die Probestunde konnte beginnen. Der Trainer gab mir vorab ein paar Informationen und fragte mich nach meinen Zielen. Ein bißchen abnehmen wäre doch gut und wieder mehr Kondition.
Er stand dann während des gesamten Trainings mit einem Klemmbrett in der Hand neben mir und notierte den Trainingsplan für die kommenden Wochen. Zu Beginn sollte ich mich aufwärmen. Zehn Minuten auf dem Fahrrad reichten mir schon und ich war nass geschwitzt. Das kann ja was werden, dachte ich mir. Ich wollte aber nicht gleich Schwäche zeigen und bemühte mich, den Anweisungen zu folgen. Beim Training an den Geräten kam dann der ganze Körper an die Reihe. Beine, Rücken, Schultern, Bauch. Jedes Körperteil an einem anderen Gerät, deren Handhabung einem erklärt und der korrekte Ablauf gezeigt wird. Zum Abschluss setzte ich mich noch einmal für zehn Minuten aufs Rad, um runterzukommen. Am Ende war ich zwar völlig fertig, aber äußerst motiviert. So gut hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt. Und eines stand fest: Die drei Probestunden wollte ich in jedem Fall durchziehen.

Mittwoch:

Zu meiner Überraschung hatte ich keinen Muskelkater und auch sonst keine Beschwerden. Ich war hochgradig motiviert, aber erst einmal zu 48 Stunden Pause verdonnert. Warum eine solche Trainingspause wichtig ist, wurste ich damals noch nicht. Aber ich habe sie eingehalten und bin stattdessen spazieren gegangen. Sogar den ganzen Tag. Und ich versuchte, ganz bewusst meine Umgebung wahrzunehmen. Das erfordert zu Beginn ordentlich Konzentration. Man muss erst lernen, nicht in Gedanken versunken durch die Gegend zu gehen. Stattdessen geht es darum, alles um einen herum zu betrachten und zu erleben. Und das war richtig toll.

Donnerstag:

Nachdem ich mich ein bisschen in die ganze Fitness-Sache eingelesen hatte, bin ich erst mal in den Supermarkt. Der Plan war, ab jetzt zu frühstücken. Natürlich hatte ich nichts zu Hause. Hatte doch jahrelang mein Frühstück aus gefühlten zehn Kippen und Kaffee bestanden. Nun musste also etwas Gesundes her. Ein paar verschiedene Müsli-Sorten, frischen Joghurt und Bananen gekauft und daraus ein leckeres Frühstück gemixt. Geht doch, dachte ich mir, und bin danach zur zweiten Trainingsstunde gefahren.
Meine Motivation war so groß, dass ich gleich mal für zehn Minuten auf den Crosstrainer statt aufs Fahrrad bin. Ich dachte mir, dass ich so meine Wampe vielleicht schneller los werde. Der Crosstrainer war mir dann aber doch ein wenig zu hart und nach fünf Minuten brach ich das Experiment ab und radelte lieber weiter.
Im Anschluss an das zweite Probetraining erhielt ich eine kurze, aber spannende Einführung zur Gewichtsreduktion durch Sport und Ernährung. Zu 30 Prozent würde die Bewegung und zu 70 Prozent die Ernährung zum Erfolg beitragen.
Als ich wieder zu Hause war, habe ich zuerst alle Fertigprodukte, alle Süßigkeiten und Toastbrote aus der Küche verbannt. Wenn schon, denn schon. Anschließend war ich lange im Supermarkt, um gesündere und nahrhaftere Lebensmittel zu finden. Abends gab es dann eine Gemüsepfanne mit Kartoffeln. Gar nicht so schlecht.

Freitag:

Aufstehen, nicht rauchen, frühstücken, ins Fitnessstudio gehen. Dieses Mal habe ich sogar die 10-Minuten-Aufwärmphase auf dem Crosstrainer durchgehalten. Nach dem Training ab in den Supermarkt und frische Lebensmittel einkaufen. Es wurde immer besser und ich spürte zum ersten Mal dieses besondere Gefühl der Freude nach einem Training.

Samstag:

Einfach sehr zufrieden und hoch motiviert den Tag verbracht.

Sonntag mit Ausblick:

Im Fitnessstudio habe ich Nägel mit Köpfen gemacht und die Jahresmitgliedschaft unterschrieben. Den Beitrag habe ich gleich für ein Jahr im voraus bezahlt, um mir selbst ein wenig Druck zu machen, auch dabei zu bleiben. Auf meine Frage, wie lange ich denn benötigen würde, mir meine doch beträchtliche Wampe abzutrainieren, sagte mir der Trainer, dass es doppelt so lange bräuchte, wie es gedauert hat, sie mir anzufuttern.
Na gut, die Herausforderung habe ich angenommen. In den darauffolgenden Wochen habe ich viele Stunden auf dem Crosstrainer und dem Fahrrad verbracht. Immer wenn es weh tat und ich nicht mehr wollte, dachte ich an meine Wampe. Und irgendwann habe ich sogar angefangen, es zu genießen.
Bis heute, das heißt mehr als zwei Jahre lang, habe ich fast keine Trainingseinheit ausgelassen. Viele Abläufe habe ich angepasst, geändert, verbessert und mittlerweile auch verstanden. Mehr als 30 Kilogramm überflüssiges Körperfett habe ich verloren und rund 10 Kilogramm Muskelmasse aufgebaut. Mittlerweile sind meine Muskeln definiert und statt der Wampe gibt es ein Sixpack. Auch meine Kondition ist super. Das merke ich vor allem beim Fußballspielen mit meinem Sohn. Das wichtigste an diesem Prozess aber war, mich wieder um mich selbst zu kümmern. Mich nicht gehen zu lassen, sondern achtsam mit mir umzugehen.

Lerne dich selbst zu lieben, dann räumst du dich immer wieder innerlich auf und entwickelst die einzigartige Fähigkeit, auch andere zu lieben.

Ich möchte mit einem Zitat schließen:

„Die Welt besteht nicht nur aus Sonnenschein und Regenbogen. Sie ist oft ein gemeiner und hässlicher Ort. Und es ist ihr egal wie stark du bist – sie wird dich in die Knie zwingen und dich zermalmen, wenn du es zulässt. Du und ich – und auch sonst keiner – kann so hart zuschlagen wie das Leben! Aber der Punkt ist nicht der, wie hart einer zuschlagen kann. Es zählt bloß, wieviele Schläge man einstecken kann und ob man trotzdem weitermacht. Wieviel man einstecken kann und trotzdem weitermacht. Nur so gewinnt man!“

aus Rocky Balboa

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4 Gedanken zu “Selbstrespekt – Die Tonne in den Handstand – Teil 3

  1. Eine tolle Verwandlung und ein sehr hübscher Mann 🙂 Das motiviert mich sehr selbst auch durchzuhalten und die 30kg Körperfett würde ich auch gerne loswerden. Vielen Dank für diesen ehrlichen Beitrag!

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